Nebelhorn

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Tapio Liller  //  Kommunikationsberater, Netzmensch und Frankfurter mit einer Vorliebe für Fotografie (Nikon D90), gutes Essen, skandinavisches Design, Städtereisen und produktive Prokrastination.

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May 13 / 9:31am

Vom Tod, Maike und Wattestäbchen

Ich gebe zu, ich habe ein recht ambivalentes Verhältnis zu Spendenaufrufen aller Art. Einerseits gibt es erschütternde menschliche Schicksale und man leidet mit. Andererseits gibt es von diesen Schicksalen so viele, dass es leicht fällt, mit den Achseln zu zucken und weiterzumachen. Betrifft mich ja nicht, wird schon schiefgehen. Oft genug geht es aber wirklich schief und jemand stirbt.

Jeder von uns hat wohl mindestens eine Person in der direkten Verwandtschaft oder im Freundeskreis, die an einer Form von Krebs erkrankt ist, erkrankt war oder daran gestorben ist. Meine Oma hatte Brustkrebs, sie hat es bis ins hohe Alter überlebt und wird im September 90 Jahre alt. Mein Opa hatte Prostatakrebs, gestorben ist er aber an den Folgen eines langsamen Nierenversagens nach mehreren Jahren Dialyse.

Wenn uns der Tod im eigenen Umfeld begegnet, sind wir betroffen, beten, hoffen, sprechen Mut zu, klammern uns an kleine positive Zeichen und manchmal trauern wir auch. Wenn uns der Tod indirekt begegnet, durch Nachrichten, Erzählungen Dritter oder anderweitig vermittelt kommt es sehr drauf an, wie wir emotional gestrickt sind, was wir dann tun. Oft genug zucken wir mir den Achseln und machen weiter. Heute möchte ich nicht einfach weitermachen, sondern etwas tun.

Ich möchte euch Maike aus Augsburg vorstellen. Maike ist gerade 21 geworden (am 1. Mai) und mag Kekse. Und Monster. Ihr Blog heißt so.

Dort schreibt sie über ihr Leben, was sie bewegt, im Tagebuchstil (ja, da ist ein Blog noch ein "Internettagebuch"). Und sie schreibt über ihre Leukämie. Ende April wurde sie diagnostiziert, inzwischen ist Maike durch die Chemotherapie ihre Haare los und hat sich eine Perücke namens "Malta" ausgesucht. Ohne Haare ist es sehr kalt auf dem Kopf, deshalb trägt sie von der Mutter oder selbstgehäkelte Mützen. Das Leben, rumliegen, warten und rumliegen und warten im Krankenhaus ist alles andere als prickelnd. Maike schreibt trotzdem alles auf.

Ich finde das sehr tapfer und die Art wie sie schreibt strahlt viel Zuversicht und Lebensenergie aus. Dabei steht es nicht sonderlich gut um sie. Die Leukämie meint es ernst mit dem Tod. Leukämie bedeutet, dass das blutbildende System gestört ist und die Zahl der weißen Blutkörperchen explodiert - auf Kosten der restlichen Blutbestandteile. Wenn das nicht gestoppt wird, stirbt der Mensch an mangelnder Sauerstoffversorgung des Körpers, inneren Blutungen oder anderen Folgen der Blutbildungsstörung. Maikes Leukämie ist akut, das heißt, dass sie einen schweren Verlauf genommen hat und sehr schnell behandelt werden muss. Die Chemotherapie soll dabei helfen, kann es aber nur begrenzt.

Eine Heilungschance wäre eine Stammzellspende eines Gesunden. Stammzellen sind Zellen deren Funktion im Körper noch nicht festgelegt ist. Deshalb können aus Stammzellen gesunde Blutzellen werden. Sie werden vor allem im Knochenmark gebildet, deshalb spricht man auch von einer "Knochenmarkspende". Diese wird unter sterilen Bedingungen per Punktion aus dem Beckenknochen entnommen und kann einem Leukämiekranken transplantiert werden und unter einer speziellen Medikation dazu beitragen, dass der Patient eine komplett neue Blutproduktion ohne den Krebs entwickelt. Für den Spender ist das nur mit einem kurzen Krankenhausaufenthalt und höchstens einer kleinen Narbe an der Hüfte (von der Punktion) verbunden. Unter Umständen kann man auch ohne Punktion ambulant spenden, indem die Stammzellen aus dem Blut gewonnen werden.

Aber wie findet man einen passenden Spender, eine/n passende/n Spender/in für Maike? Bei der Knochenmarkspende ist es wie bei jeder anderen Organspende: Nicht jeder kommt als Spender in Frage. Die Ärzte suchen einen "genetischen Zwilling" des Patienten. 

Hier kommen die Wattestäbchen ins Spiel. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS, pflegt eine Datei spendenwilliger Menschen. Damit daraus möglicherweise passende Spender schnell ermittelt werden können, werden deren genetische Merkmale analysiert. Das nennt sich "Typisierung". Und dafür reicht schon ein wenig Speichel und Schleimhautgewebe aus dem Mund, das man auf ein Wattestäbchen reibt. Keine Nadeln, kein Blut, nur ein Wattestäbchen - schisserproof.

An dieser Stelle wird dieser Post dann doch zu einem Spendenaufruf. Für Maike und für alle Leukämiekranken in Deutschland und darüber hinaus. Geht auf die Website der  DKMS, informiert euch dort über Leukämie und wie die DKMS hilft und bestellt euch schnellstens ein Registrierungsset mit einem Formular und zwei Wattestäbchen mit Rückumschlag. Den schickt ihr dann an die DKMS zurück und bekommt einige Zeit später eine Spender-Nummer und eine Spendercard. Das war schon alles. Wenn ihr dann noch 40 Euro übrig habt, um das Typisierungsverfahren zu finanzieren (Medizintechnik kostet Geld), dann solltet ihr sie investieren. Wenn ihr das Geld nicht entbehren könnt, geht es auch ohne Spende.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich mich vergangenes Jahr habe typisieren lassen und durch Maikes Geschichte wieder daran erinnert wurde, warum ich das tat. Krebs betrifft uns alle, Leukämie betrifft zudem oft Kinder, Jugendliche, junge Menschen, die - so floskelig das auch klingt - ihr Leben noch vor sich haben. Und wenn ich mit ein paar Klicks, zwei Wattestäbchen und einem Blogpost, und wenn's drauf ankommt einem Pieks in meinen Beckenknochen, dem Tod den Stinkefinger zeigen kann, dann tue ich das mit größtem Vergnügen.

Und zum Schluss wünsche ich Maike den passenden Spender und eine schnelle Gesundung, und bete für sie, ihre Familie und ihre Freunde. Und ich freue mich, wenn ihr das auch tut.